Autochthon - Allochthon
Regionales Saat- und Pflanzgut verwenden
 
 
Für Rekultivierungen, Renaturierungen oder Gartengestaltungen werden jedes Jahr Millionen von Gräsern, Kräutern und Gehölzen gesät und gepflanzt. Das Pflanzgut stammt in vielen Fällen nicht aus der Region, in der es ausgebracht wird. Durch das Vermischen von Pflanzen mit unterschiedlicher Herkunft gehen geographisch bedingte Unterschiede verloren – Formenreichtum und genetische Anpassungen an bestimmte Areale und Standortbedingungen werden nivelliert.
Aus naturschutzfachlicher Sicht sollte deshalb bei allen Bepflanzungs- und Begrünungsmaßnahmen in der freien Landschaft und möglichst auch im besiedelten Bereich gebietseigenes, autochthones Pflanzmaterial verwendet werden.
 
=> mehr zum Thema Baustellen und Naturschutz
 
 
Was bedeutet autochthon?
 
Autochthon (griechisch: auto = selbst, chthon = Erde; am Fundort entstanden, bodenständig) sind Pflanzen dort, wo sie seit langem wild vorkommen und sich an die gegebenen Umweltbedingungen angepasst haben. Abhängig von Klima, Höhenlage, Sonneneinstrahlung, den Feuchtigkeits- und Bodenverhältnissen hat sich innerhalb einer Art in unterschiedlichen Naturräumen eine voneinander abweichende, regionaltypische genetische Ausstattung entwickelt. Im Gegensatz sind allochthone Formen an anderer Stelle entstanden, sind also nicht an diesem Ort heimisch. Kreuzen sich autochthone Vorkommen mit allochthonen Pflanzen aus anderen Regionen, können die für das jeweilige Gebiet angepassten und günstigen Eigenschaften verloren gehen. Es entsteht ein Mischtyp, der beispielsweise frostempfindlicher ist oder früher blüht. Das hat wiederum Auswirkungen auf nektarsammelnde und -bestäubende Insekten. Letztlich besteht die Gefahr, dass die vielfältigen ökologischen Zusammenhänge gestört werden.
 
 
Vorteile von autochthonem Saat- und Pflanzgut
 
Obwohl autochthones Pflanzgut in der Anschaffung teurer sein kann als konventionelles, überwiegen die Vorteile:
 
•   Erhalt und Förderung der Biodiversität.
 
•   Heimisches Pflanzmaterial weist im Vergleich mit Pflanzgut unbekannter Herkunft bessere Anwuchsergebnisse auf.
 
•   Autochthone Pflanzen sie in der Regel robuster und haben weniger Ausfälle. Sie überstehen Stresssituation wie Schädlingsbefall oder extreme Witterungsverhältnisse wesentlich besser.
 
•   Die Transportwege sind deutlich kürzer.
 
=> mehr zum Thema Heimische Gehölze
 
 
Gebietsherkunft bei Gehölzen
 
In der Forstwirtschaft, besonders im Schutzwaldbau, wird schon seit langem auf die Herkunft von Pflanzmaterial geachtet. Denn Bäume, die aus der selben Wuchsregion und Höhenlage stammen, gewährleisten die Schutzfunktion des Waldes wesentlich besser. So weist die Gebirgsform der Fichte im Gegensatz zur Tieflandform eine schmälere, aber dafür längere Krone auf und hält der Schneelast im Winter wesentlich besser Stand. Die Unterschiede sind so groß, dass in alten Bestimmungsbüchern (zB in der Exkursionsflora von Österreich von Karl Fritsch aus dem Jahr 1909) Gebirgsfichte und Tieflandfichte sogar als zwei verschieden Arten angesprochen wurden.
 
•   Zumindest bei forstwirtschaftlich bedeutenden Gehölzen ist es in den meisten Fällen möglich, standortgerechtes Pflanzmaterial zu erhalten.
 
•   Schwierig hingegen ist es bei Gehölzen, die in der Forstwirtschaft nicht verwendet werden – in fast allen Fällen stammt das im Handel erhältliche Material nicht aus der Region und hat oft eine weite Reise hinter sich. Das Saatgut für die Haselnuss stammt beispielsweise oft aus Italien oder der Türkei.
 
•   Bei variablen Arten, zu denen auch Wildroserosen zählen, werden oft bestimmte Formen und Hybriden bevorzugt gezogen und in großer Zahl gepflanzt, was einen Verlust der innerartlichen Variabilität zur Folge hat.
 
•   Einige Gehölzarten (zB Weiden) werden ausschließlich vegetativ über Stecklinge und Steckhölzer vermehrt. Dadurch werden nur genetisch idente Individuen ausgebracht und die genetische Verarmung gefördert.
 
•   Sehr seltene Baum- und Straucharten sind meist überhaupt nicht erhältlich.
 
 
Gebietsherkunft bei Gräsern und Kräutern
 
Bei Saatgut für Wiesen wurde bisher der Herkunft wenig Augenmerk geschenkt. In den meisten Fällen wird Standardsaatgut verwendet, in dem Arten bzw Ökotypen enthalten sind, die am Standort gar nicht vorkommen.
Hier ist die Begrünung durch Übertragung von Mähgut eine ideale Alternative, diesem Dilemma zu entkommen. Dabei wird frisch geschnittenes Gras mit reifen Samen von einer nahe gelegenen Fläche mit möglichst ähnlichen Standortbedingungen auf der neu entstehenden Wiese ausgebracht. Mit dieser Methode lassen sich beispielsweise artenreiche Magerwiesen entwickeln und lokale Pflanzenvarietäten erhalten und verbreiten.
 
=> mehr zum Thema Naturnahe Begrünungen
 
 
Unterlagen / Links
 
U. Riede (Bearb.) (2003): Autochthones Saat- und Pflanzgut. Ergebnisse einer Fachtagung. BfN-Skripten 96, Bundesamt für Naturschutz, Bonn – Bad Godesberg, 126 S.
W. Zahlheimer & F. Schuhwerk (2006): Grundsätzliches zum Thema „Autochthone Pflanzen“. Download pdf (35 kb)
info flora - Empfehlungen für die Nutzung von Saatgut einheimischer Wildpflanzen: www.infoflora.ch/de/flora/wildpflanzensaatgut/
B. Seitz, A. Jürgens & I. Kowarik (2007): Erhaltung genetischer Vielfalt: Kriterien für die Zertifizierung regionalen Saat- und Pflanzguts. Literatur-Studie. BfN-Skripten 208, Bundesamt für Naturschutz, Bonn – Bad Godesberg, 48 S., Download pdf (280 kb)
Ministerium für Raumordnung und Umwelt Sachsen-Anhalt (1998): Florenverfälschung bei Gehölzpflanzungen und mögliche Schutzmaßnahmen. Hinweise zur Verwendung einheimischer Gehölzherkünfte bei Pflanzungen in der freien Landschaft in Sachsen-Anhalt. Magdeburg, 20 S., Download pdf (1.424 kb)
R. Treiber & E. Nickel (2002): Gräser und Kräuter am richtigen Ort. Begrünung mit regionalem Samenmaterial als Beitrag zur Erhaltung der naturraumeigenen Pflanzenarten und genetischen Typen. Fachdienst Naturschutz – Landschaftspflege Merkblatt 6, Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg, Karlsruhe, Download pdf (405 kb)
A. Bosshard & B. Reinhard (2006): Methode zur Identifikation geeigneter Ressourcenwiesen für Heugrassaaten. Resultate aus der Testregion Ostschweiz. Bericht im Auftrag des Bundesamtes für Landwirtschaft / Nationales Aktionsprogramm zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung von pflanzengenetischen Ressourcen (NAP), Ö+L Büro für Ökologie und Landschaft, Download pdf (969 kb)
Verband Deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten: www.natur-im- vww.de
Petition Naturschutz und Ökologie - Einsatz von sog. Regiosaatgut bei der "Wieder-Begrünung" bundeseigener Flächen, etc. vom 09.12.2015: www.regiosaat.blackroot.net
 
 
letzte Änderung April 2008, © UMG
 
   
   

 
 
Autochthon - Allochthon
Regionales Saat- und Pflanzgut verwenden
 
Für Rekultivierungen, Renaturierungen oder Gartengestaltungen werden jedes Jahr Millionen von Gräsern, Kräutern und Gehölzen gesät und gepflanzt. Das Pflanzgut stammt in vielen Fällen nicht aus der Region, in der es ausgebracht wird. Durch das Vermischen von Pflanzen mit unterschiedlicher Herkunft gehen geographisch bedingte Unterschiede verloren – Formenreichtum und genetische Anpassungen an bestimmte Areale und Standortbedingungen werden nivelliert.
Aus naturschutzfachlicher Sicht sollte deshalb bei allen Bepflanzungs- und Begrünungsmaßnahmen in der freien Landschaft und möglichst auch im besiedelten Bereich gebietseigenes, autochthones Pflanzmaterial verwendet werden.
 
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Was bedeutet autochthon?
 
Autochthon (griechisch: auto = selbst, chthon = Erde; am Fundort entstanden, bodenständig) sind Pflanzen dort, wo sie seit langem wild vorkommen und sich an die gegebenen Umweltbedingungen angepasst haben. Abhängig von Klima, Höhenlage, Sonneneinstrahlung, den Feuchtigkeits- und Bodenverhältnissen hat sich innerhalb einer Art in unterschiedlichen Naturräumen eine voneinander abweichende, regionaltypische genetische Ausstattung entwickelt. Im Gegensatz sind allochthone Formen an anderer Stelle entstanden, sind also nicht an diesem Ort heimisch. Kreuzen sich autochthone Vorkommen mit allochthonen Pflanzen aus anderen Regionen, können die für das jeweilige Gebiet angepassten und günstigen Eigenschaften verloren gehen. Es entsteht ein Mischtyp, der beispielsweise frostempfindlicher ist oder früher blüht. Das hat wiederum Auswirkungen auf nektarsammelnde und -bestäubende Insekten. Letztlich besteht die Gefahr, dass die vielfältigen ökologischen Zusammenhänge gestört werden.
 
 
Vorteile von autochthonem Saat- und Pflanzgut
 
Obwohl autochthones Pflanzgut in der Anschaffung teurer sein kann als konventionelles, überwiegen die Vorteile:
 
•   Erhalt und Förderung der Biodiversität.
 
•   Heimisches Pflanzmaterial weist im Vergleich mit Pflanzgut unbekannter Herkunft bessere Anwuchsergebnisse auf.
 
•   Autochthone Pflanzen sie in der Regel robuster und haben weniger Ausfälle. Sie überstehen Stresssituation wie Schädlingsbefall oder extreme Witterungsverhältnisse wesentlich besser.
 
•   Die Transportwege sind deutlich kürzer.
 
 
Gebietsherkunft bei Gehölzen
 
In der Forstwirtschaft, besonders im Schutzwaldbau, wird schon seit langem auf die Herkunft von Pflanzmaterial geachtet. Denn Bäume, die aus der selben Wuchsregion und Höhenlage stammen, gewährleisten die Schutzfunktion des Waldes wesentlich besser. So weist die Gebirgsform der Fichte im Gegensatz zur Tieflandform eine schmälere, aber dafür längere Krone auf und hält der Schneelast im Winter wesentlich besser Stand. Die Unterschiede sind so groß, dass in alten Bestimmungsbüchern (zB in der Exkursionsflora von Österreich von Karl Fritsch aus dem Jahr 1909) Gebirgsfichte und Tieflandfichte sogar als zwei verschieden Arten angesprochen wurden.
 
•   Zumindest bei forstwirtschaftlich bedeutenden Gehölzen ist es in den meisten Fällen möglich, standortgerechtes Pflanzmaterial zu erhalten.
 
•   Schwierig hingegen ist es bei Gehölzen, die in der Forstwirtschaft nicht verwendet werden – in fast allen Fällen stammt das im Handel erhältliche Material nicht aus der Region und hat oft eine weite Reise hinter sich. Das Saatgut für die Haselnuss stammt beispielsweise oft aus Italien oder der Türkei.
 
•   Bei variablen Arten, zu denen auch Wildroserosen zählen, werden oft bestimmte Formen und Hybriden bevorzugt gezogen und in großer Zahl gepflanzt, was einen Verlust der innerartlichen Variabilität zur Folge hat.
 
•   Einige Gehölzarten (zB Weiden) werden ausschließlich vegetativ über Stecklinge und Steckhölzer vermehrt. Dadurch werden nur genetisch idente Individuen ausgebracht und die genetische Verarmung gefördert.
 
•   Sehr seltene Baum- und Straucharten sind meist überhaupt nicht erhältlich.
 
=> mehr zum Thema Heimische Gehölze
 
 
Gebietsherkunft bei Gräsern und Kräutern
 
Bei Saatgut für Wiesen wurde bisher der Herkunft wenig Augenmerk geschenkt. In den meisten Fällen wird Standardsaatgut verwendet, in dem Arten bzw Ökotypen enthalten sind, die am Standort gar nicht vorkommen.
Hier ist die Begrünung durch Übertragung von Mähgut eine ideale Alternative, diesem Dilemma zu entkommen. Dabei wird frisch geschnittenes Gras mit reifen Samen von einer nahe gelegenen Fläche mit möglichst ähnlichen Standortbedingungen auf der neu entstehenden Wiese ausgebracht. Mit dieser Methode lassen sich beispielsweise artenreiche Magerwiesen entwickeln und lokale Pflanzenvarietäten erhalten und verbreiten.
 
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Unterlagen / Links
 
U. Riede (Bearb.) (2003): Autochthones Saat- und Pflanzgut. Ergebnisse einer Fachtagung. BfN-Skripten 96, Bundesamt für Naturschutz, Bonn – Bad Godesberg, 126 S.
W. Zahlheimer & F. Schuhwerk (2006): Grundsätzliches zum Thema „Autochthone Pflanzen“. Download pdf (35 kb)
info flora - Empfehlungen für die Nutzung von Saatgut einheimischer Wildpflanzen: www.infoflora.ch/de/flora/wildpflanzensaatgut/
B. Seitz, A. Jürgens & I. Kowarik (2007): Erhaltung genetischer Vielfalt: Kriterien für die Zertifizierung regionalen Saat- und Pflanzguts. Literatur-Studie. BfN-Skripten 208, Bundesamt für Naturschutz, Bonn – Bad Godesberg, 48 S., Download pdf (280 kb)
Ministerium für Raumordnung und Umwelt Sachsen-Anhalt (1998): Florenverfälschung bei Gehölzpflanzungen und mögliche Schutzmaßnahmen. Hinweise zur Verwendung einheimischer Gehölzherkünfte bei Pflanzungen in der freien Landschaft in Sachsen-Anhalt. Magdeburg, 20 S., Download pdf (1.424 kb)
R. Treiber & E. Nickel (2002): Gräser und Kräuter am richtigen Ort. Begrünung mit regionalem Samenmaterial als Beitrag zur Erhaltung der naturraumeigenen Pflanzenarten und genetischen Typen. Fachdienst Naturschutz – Landschaftspflege Merkblatt 6, Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg, Karlsruhe, Download pdf (405 kb)
A. Bosshard & B. Reinhard (2006): Methode zur Identifikation geeigneter Ressourcenwiesen für Heugrassaaten. Resultate aus der Testregion Ostschweiz. Bericht im Auftrag des Bundesamtes für Landwirtschaft / Nationales Aktionsprogramm zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung von pflanzengenetischen Ressourcen (NAP), Ö+L Büro für Ökologie und Landschaft, Download pdf (969 kb)
Verband Deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten: www.natur-im-vww.de
Petition Naturschutz und Ökologie - Einsatz von sog. Regiosaatgut bei der "Wieder-Begrünung" bundeseigener Flächen, etc. vom 09.12.2015: www.regiosaat.blackroot.net  
 

 


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www.naturtipps.com/autochthon.html
Stand April 2008